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OMC inside Claudia Michalski

In meiner Beratungspraxis begegnet mir immer wieder das Phänomen, dass Manager unter erheblicher Erschöpfung leiden und eigentlich gar nicht wissen warum. Burnout als Volkskrankheit der Manager ist mittlerweile hinlänglich bekannt, akzeptiert und von vielen wird diese Krankheit sogar wie eine Trophäe vor sich hergetragen. Man hat manchmal den Eindruck, ein mehrmonatiger Aufenthalt in einer Burnout-Klinik gehört schon fast zum guten Ton.


Aber was ist der Grund für diese Erschöpfung? Digitaler Overload gehört sicher dazu – die Tatsache, immer und überall erreichbar zu sein, unabhängig von Ort und Tageszeit arbeiten zu können, besser: zu müssen, übt auf viele Manager ständigen Druck aus.
 

Darüber hinaus müssen die geforderten Ziele selbstverständlich nicht nur erreicht, sondern möglichst übertroffen werden, man hat rund um die Uhr zu liefern. Daran gewöhnen sich viele und leben gar nicht schlecht damit. Denn nicht jeder leistungsbereite Manager muss zwangsläufig im Burnout enden. Für viele ist es okay, ihr Leben zu hundert Prozent nach dem Beruf auszurichten. Wenn es grundsätzlich machbar ist, warum sind dann trotzdem viele Manager extrem erschöpft, fühlen sich innerlich leer und buchstäblich ausgebrannt?
 

Nach meiner Erfahrung ist es die fehlende Authentizität, die den Burnout auslöst. Die Dissoziation, die Fähigkeit, etwas aus dem Alltagsbewusstsein abzuspalten, das spielen einer Rolle, der ständige Druck, Erwartungen erfüllen zu müssen, führt dazu, dass viele Manager in sich gespalten sind. Sie wissen nicht mehr, ob sie nur eine Rolle spielen, oder ob die Rolle inzwischen Teil ihrer eigenen Persönlichkeit ist. Die Sozialpsychologen Kernis und Goldman haben schon vor über zehn Jahren das Phänomen der Authentizität in verschiedenen Studien erforscht und folgendes festgestellt:  Authentische Menschen wissen, wer sie sind, akzeptieren ihre Stärken und Schwächen, gehen offen damit um und handeln nach ihren Überzeugungen. Und genau das sind zentrale Voraussetzungen, um beruflich erfolgreich und gleichzeitig „bei sich“ zu sein.
 

Viele hochrangige Positionen erfordern jedoch das Funktionieren in einem engen Korsett, nicht umsonst wird auch oft von Management-Knechtschaft gesprochen. In jungen Jahren, bis Anfang 40, ist das alles kein Problem. Der gute Verdienst entschädigt, die Kraft ist da und auch die Bereitschaft, sich formen zu lassen. In der Lebensmitte allerdings sinkt diese Bereitschaft. Wenn man/frau sich wie ein Schauspieler fühlt, kostet das unglaubliche Kraft. Die Führungskräfte stehen im wahrsten Sinne „neben sich“, verlieren ihr inneres Gleichgewicht. Die innere Diskrepanz wird selbst sehr stark empfunden, aber nach außen gar nicht sichtbar. Denn eine Rolle zu spielen ist man ja gewohnt. Die Betroffenen nehmen ständig die Beobachter-Perspektive ein und imaginieren den Blick der anderen. Was wird von mir erwartet?! Immer in Sorge zu sein, dass das Rollenkostüm nicht passt, macht auf Dauer krank.


„Ich weiß gar nicht mehr, wer ich wirklich bin“, das hören wir oft in der Beratung. Der Wunsch nach beruflicher Neuorientierung wird immer stärker, allein um sich aus dem engen Rollenkorsett zu befreien. Die Fluchtmotivation ist groß, das neue Ziel aber noch nicht klar. Bevor wir dann gemeinsam mit unseren Kandidaten eine neue berufliche Perspektive erarbeiten können, steht die Selbstreflexion an. Was interessiert mich eigentlich wirklich? Wie „ticke“ ich, wenn ich keine Rolle spielen muss? Erst durch die Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit mit allen Stärken und Schwächen wird es möglich, in die Zukunft zu schauen und Pläne zu schmieden. Oft genug ist dann bei der Definition der neuen Aufgabe nicht der Verdienst entscheidend, sondern die Autonomie, die man in der neuen Position gewinnt. Selbstbestimmung geht dann in aller Regel weit vor Kontostand.
 

Die Studien von Kernis und Goldman ergeben, dass authentische Menschen mehr Freude, Enthusiasmus, Entspannung und Ausgeglichenheit empfinden. Daher ist es eines unserer wesentlichen Beratungsziele, Aufgaben und konkrete Positionen für unsere Kandidaten herauszuarbeiten, in denen sie authentisch sein und wieder mehr Freude empfinden können.

 

Claudia Michalski, Juli 2017

 

 

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