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OMC inside Claudia Michalski
Es war DIE Personalnachricht zum Jahresende, nicht nur in der Medienwelt: Kai Diekmann verlässt nach 30 Jahren den Axel Springer Konzern. Nach seinem Trip ins Silicon Valley vor vier Jahren war er schon äußerlich und wohl auch innerlich verändert: Lässiger, mutiger, weniger stromlinienförmig. Der Anzug und das Haargel wurden gegen Hoody und Bart-Experimente getauscht. Was ist da passiert?, fragt unter anderem die Berliner Zeitung.


Kai Diekmann ist 52 Jahre alt und er hat das getan, was viele in der beruflichen Lebensmitte tun: Er hat sich neu justiert. Fest steht: Er ist über jeden Verdacht, einer Kündigung zuvor gekommen zu sein, erhaben. Diese Entscheidung war also sicher einzig und allein seine. Er hätte problemlos weitermachen können wie bisher, der Erfolg gab ihm Recht, aber nein: Er sucht den Wechsel, die Neuerung, vielleicht auch eine neue Definition seiner selbst in eigener unternehmerischer Aktivität. Und damit ist er in guter Gesellschaft.

In der täglichen Beratungspraxis haben wir im Jahr 2016 bei OMC einen neuen Trend festgestellt: Viele Manager in der Lebensmitte, die ihren Weg bisher erfolgreich gegangen sind und genauso wie vorher hätten weiterarbeiten können, wollen sich verändern. Oft genug ist nicht der Arbeitgeber der Anstoß für die Trennung, sondern der Manager oder die Managerin selbst. Interessanterweise kann man hier keine geschlechtsspezifische Besonderheit feststellen. Den Wunsch, die Management-Mühle zu verlassen, haben nach unserer Erfahrung Männer wie Frauen gleichermaßen. Oft genug kommen auch Angebote des Arbeitgebers, sich zu trennen, eher gelegen. Warum nicht noch eine feine Abfindung mitnehmen, wenn die gemeinsame berufliche Zeit ohnehin abgelaufen war?!

Was früher süffisant als Midlife-Crisis beschrieben wurde, beginnt mit etwa Mitte 40. Angesichts der ständig höher werdenden Lebensarbeitszeit wird dann jedem bewusst, dass noch satte 20 Jahre Arbeitsleben vor ihm liegen. Gleichzeitig ist die Rush Hour des Lebens oft durchschritten: Die Karriere ist gut vorangegangen, die Kinder geboren, das Haus gebaut oder die Eigentumswohnung gekauft. Zeit, Fragen zu stellen: Was kommt denn jetzt eigentlich noch? Wofür stehe ich? Will ich wirklich noch 20 Jahre weiter funktionieren und beständig „liefern“? Oder kann ich im Leben noch anderes bewirken und erreichen?

Der Anteil derer, die sich diese Fragen stellen, steigt. Dabei ist das „weg von“ immer schnell definiert, denn eigentlich weiß jeder, was er NICHT mehr will: Fremdbestimmte Arbeitstage mit knallvollen Kalendern. Unproduktive Meetings mit unvorbereiteten Kollegen. Demotivierende Sitzungen mit Geschäftsführung oder Aufsichtsrat, in denen es sowieso jeder besser weiß. Zielgespräche mit plötzlich neu definierten Zielen, die man dann doch nicht erreicht hat... Viele kennen diese tägliche Routine aus der Management-Mühle. Natürlich gibt es auch zahlreiche Annehmlichkeiten. Neben guten Gehältern und stattlichen Dienstwagen ist man auch wichtig, reist durch die Welt und kennt einfach die wichtigsten Player aus der jeweiligen Branche. Doch nach einigen Jahren verlieren auch schicke Dienstreisen und opulente Firmen-Events ihren Reiz. Wenn am Ende selbst der mühsam erkämpfte Bonus nicht mehr für angemessenen Ausgleich sorgen kann, klingelt bei vielen die innere Alarmglocke.

In dieser Situation begeben sich viele Manager in den inneren Aufbruch und machen sich Gedanken über neue berufliche Ziele. Und oft genug geht es dabei nicht mehr um das „schneller, höher weiter“, sondern eher um das „sinnvoller, interessanter, werteorientierter“. Und dann stellen viele fest, dass es gar nicht so einfach ist, sich mit diesem Anspruch beruflich neu zu orientieren. Denn schon ein hierarchischer Sidestep muss erklärt werden, das Downgrading fällt meist noch viel schwerer. Viele bleiben also mehr oder weniger frustriert im Job, liebäugeln aber ständig mit Veränderung: Selbständigkeit, Auswanderung, zumindest aber ein langes Sabbatical steht auf dem inneren Plan.

Nicht wenige holen sich in dieser Phase eine professionelle Beratung, denn sie stellen fest, dass ihnen im privaten Umfeld die geeigneten Gesprächspartner für diese elementaren Fragestellungen fehlen. Im Freundeskreis heißt es schnell „Was willst du denn, du hast doch einen Super-Job!“. Oft genug ist auch der eigene Partner wenig begeistert, weil er insgeheim fürchtet, dass mit der beruflichen Veränderung auch eine persönliche einhergehen könnte – und dann wäre schlimmstenfalls das ganze bisherige Lebensmodell in Frage gestellt. Also lieber keine Veränderung provozieren, sondern Augen zu und weiter.

Aber die innere Stimme der Unzufriedenen sagt meist etwas Anderes: Wenn die 50 im Raum steht, lässt man sich nicht mehr in eine Richtung drängen, sondern will und muss selbstbestimmt über sein Leben entscheiden. Das gilt gleichermaßen für das Privatleben wie für den Beruf. Daher halten viele trotz Widerständen an ihrem Vorhaben der beruflichen Neuorientierung fest und nehmen professionelle Beratung in Anspruch. Hier können sie mit gesunder Distanz und absoluter Neutralität rechnen – was aus oben genannten Gründen oft ein unschätzbarer Vorteil und für das Ergebnis der Beratung eine zwingende Voraussetzung ist.

Im Rahmen einer professionellen Perspektivenberatung wird zunächst das Wertesystem jedes einzelnen analysiert: Sicherheit versus Freiheit. Eigenständigkeit und Selbstbestimmung versus Teamgeist und Zugehörigkeit. Auf der gesamten Skala wird abgeklopft, wo jeder einzelne steht. Im Rahmen eines intensiven gemeinsamen Prozesses geht es um persönliche Motivatoren, Vorlieben, das Selbstbild – am Ende um alle wesentlichen Persönlichkeitsmerkmale. Denn nur wer sich selbst gut kennt, kann auch die richtige berufliche Lösung für sich finden.

Die neue berufliche Zielstellung fällt dann völlig unterschiedlich aus. Ganz sicherheitsbewusste bleiben im Job, engagieren sich aber nebenbei für etwas Sinnvolles. Flüchtlingsarbeit, Obdachlosenhilfe. Viele nehmen auch sehr bewusst eigene familiäre Aufgaben wahr und kümmern sich um ihre alten, oft genug dementen oder pflegebedürftigen Eltern. Auch wenn man seine berufliche Aufgabe selbst nicht verändert, kann man aber sehr wohl die eigene Einstellung dazu überdenken. Wenn man etwas einmal in Frage gestellt, es dann aber trotzdem für richtig befunden hat, nimmt man die Vorteile wieder neu wahr und wird zufriedener.

Andere wiederum, deren Sicherheitsbedürfnis nicht so groß ist, steigen beruflich um: Bringen ihr Know-how nicht mehr in einem x-beliebigen Wirtschaftsunternehmen ein, sondern ganz bewusst bei einem NGO oder einer Stiftung. Noch größer und dementsprechend seltener ist der Schritt in die Selbständigkeit: Sein eigenes Beratungsunternehmen zu gründen, klingt dabei vergleichsweise unspektakulär. Sich jedoch den lange gehegten Traum vom eigenen Restaurant oder der eigenen Boutique zu erfüllen, ist unter wirtschaftlichen Aspekten eher die riskante Variante. Denn das Hobby zum Beruf zu machen ist nicht immer eine gute Idee. Am Ende drücken dann doch die finanziellen Verpflichtungen zu sehr, das Haus muss schließlich abbezahlt und die Kinder durchs Studium gebracht werden. Insofern spielt innerhalb der Beratung auch die Realisierbarkeit des Vorhabens eine wichtige Rolle. Was ist angesichts der Lebensumstände überhaupt machbar?

Eines wird in unserem Beratungsalltag deutlich: In der Lebensmitte sind die beruflichen Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft. Auch mit 50 kann man sich noch einmal neu erfinden – Veränderungsbereitschaft, einen gesunden Sinn für das Machbare und eine gute Portion Wagemut vorausgesetzt.


Claudia Michalski, im Januar 2017


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